Der Wert des Pfadihemdes

Der Wert des Pfadihemdes

Pfadihemden kann man bei Haijk im Shop käuflich erwerben. Kostenpunkt mit Porto und Co. rund CHF 75.- Soweit so gut. Da kommt es dann endlich an -das Sommerlager ist in vollem Gang- und liegt jungfräulich und akkurat gebügelt vor einem. Ein trauriger Anblick.

Ein Stück Stoff, produziert nach der Ökonorm 1000, schlammbraun… aber, so werden sich die geneigten Leser nun fragen, wozu das Theater. Ich verrate es Ihnen, der Wert liegt im Inneren. Also genau genommen, liegt der enorme innere Wert jedes einzelnen Pfadihemdes in den Äusserlichkeiten, den Lagerdrucken von Aulas, Pfilas, Solas, Helas, den Abzeichen von absolvierten Heldentaten, wie etwa dem Pfadiversprechen oder dem 50km Leistungsmarsch, den Spez-Ex-Abzeichen, den heiligen Unterschriften….

Selbstverständlich müssen alle, wirklich alle Abzeichen wieder auf das neue Hemd übertragen werden. Und nein, das Pfadihemd kann unmöglich gewaschen werden. UNMÖGLICH. NIE. Abgesehen davon ist es schon ein Drama, wenn das Teil einfach endgültig zu kurz / klein / eng ist und ein neues her muss. Oder gar eines verloren geht!

Teilweise mit zwei oder gar drei Hemdenschichten unterhalb des Druckes, teilweise kaum mehr erkennbar, muss alles aufs neue Hemd. Abtrennen, auftrennen, ausschneiden, nachziehen… eben, die Kraft, der Wert bemisst sich an den Erinnerungen, die damit verknüpft sind. Und nach jedem Lager, auch das gehört zum Ritual, muss der Druck eingebügelt und die neuen Abzeichen müssen aufgenäht werden.

Da wäre etwa das erste He-La 2011, irgendwo im Jura, es hat die ganze Woche nur geregnet und es war eisig kalt in der Burg. Eric, pardon Milou als 6-jähriger Lausebengel im ersten Lager. Zum Glück mit Schwester Taijou -die hilft auch gegen Heimweh. Und notfalls gibt’s im Lagerzimmer Heimweh-Zeltli. Mit Himbeergeschmack. Milou und Taijou damals ungefähr gleich gross und schwer, wie der eilends gekaufte Rucksack (der übrigens just dieses Jahr durch einen neuen, wieder WASSERDICHTEN ersetzt werden musste).

Oder die Pfadifabrik über Auffahrt, die gleich drei Abteilungen im Bermuda-Dreieck verschwinden liess und infolge unverhofftem akutem Wetterumschwung von brüllend heiss zu fröstelig kalt nach eilends beorderten Pulli- und Wolldeckennachschub verlangte. Eine nächtliche Fahrt im stockdunklen Wald bei Sturm und Regen in unbekanntes Gelände inbegriffen. Das Oranginli hat auch das gemeistert…

Unvergessen auch das Re-La 2016, das Regionenlager auf dem Planeten Eulachon nähe Sursee mit gut 800 Teilnehmenden aller Altersstufen, mit eigener Zeitung (Milky Way), ebensolchem Radio, mit Haupt- und Nebenstrassen und einem dezenten Nasse-Socken-Käsefuss-Geruch mit rauchiger Unternote über dem ganzen Lagerareal. Ich war damals am Besuchstag schon arg beeindruckt. Das Oranginli als Sanitätsfahrzeug unterwegs. Armbruch, Schnittwunden… aber eigentlich nichts Gravierendes bei dieser Menge an Teilnehmern.

Das Sommerlager im brüllend heissen Valendas 2017, wo sich Kumpel Stui (eben, jeden Samstagnachmittag verbringt man seit Kindergartenzeiten gemeinsam) im ersten Galopp über die holperige Wiese Schien- und Wadenbein bricht und noch vor dem Abtransport ins Spital ahnt, dass das Lager für ihn fertig, bevor es richtig begonnen hat. Immerhin verfügt er, dass seine Vorräte an Chips und Süssigkeiten unter den Kumpels aufgeteilt werden dürfe…

Und dann, 2019 war auch Milou der Pfadistufe entwachsen und durfte im Piokurs in Thun als Hund sehr viel lernen. Aber was lernt man dann überhaupt in der Pfadi? was macht die Faszination aus und weshalb ums Himmelswillen ist das Pfadihemd, respektive sind die damit verbundenen Emotionen so wichtig?

Liegt am Pfadigesetz? am Pfadiversprechen?

Ich verspreche, mein Möglichstes zu tun, um…
– mich immer von neuem mit dem Pfadigesetz auseinander zu setzen
– nach Sinn und Ziel meines Lebens zu suchen
– mich in jeder Gemeinschaft einzusetzen, in der ich lebe

im Vertrauen auf Gott und zusammen mit Euch allen versuche ich, nach diesem Versprechen zu leben.

Liegt es am absolvierten 50km-Marsch bei Nacht und Nebel, von dem mir AnnA-Taijou wirklich JEDES Mal erzählt, wenn wir auf der Straße zwischen Pfungen und Embrach unterwegs sind?

Liegt es am verbrannten Tomatenrisotto? dem frühmorgendlichen Porridge? den geschundenen Füssen, dem Sand in den Haaren (Ohren, Schuhen, Pullovern, Schlafsäcken etc.)? liegt es am wackeligen Toi-Toi-Klo, das als einziges Handy-Empfang zur Welt, also zur «richtigen» Welt bot? An den Nachtübungen mit Entführung, nächtlichem Aussetzen des Täuflings im Gummiboot auf dem Seerosenweiher, dem künstlichen Blut an der Axt im Rücken? oder doch am allumfassenden Rauchwurstgeschmack?

Woran es im Einzelnen auch immer liegen mag, Fakt ist, die mittlerweile selbst leitenden Youngsters von damals, machen sich enorm viele Gedanken um ihre Vorbildfunktion (es wird nichts geraucht und kein Alkohol getrunken solange Kinder dabei sind), sie lernen trösten, motivieren, aufbauen, führen und, wie sagte Eric nach seinem ersten Lager: «Mama, Du hast keine Ahnung, WIE anstrengend kleine Kinder sein können!»

Es wird im Leitergremium diskutiert, organisiert (jaja, durchaus etwas anders, als die planenden Eltern das manchmal gerne hätten), es wird um Sponsoring gebettelt (Danke Möhl und Emmi, danke Wernli- und Hug-Guetzli), es werden Lösungen für schwierige Kinder gesucht und es wird viel gelacht, gelebt, gesungen, gejubelt, geflucht, marschiert und gespielt.

Aus den kleinen Hanswürsten von damals ist ein grandioses Leiterteam geworden. Jeder so, wie er ist, jeder eingesetzt nach seinem Können und zusammen, da rocken sie die Bude! auf dass aus den aktuellen Minis über die Zeit der Römer-Ägypter-Post- und anderen Lagern neuer, toller, verantwortungsvoller Leiternachwuchs entstehen kann.

man beachte mittig AnnA in Tunika samt Strophium, links Milou Caesar

Fazit: gäbe es die Pfadi nicht, müsste man sie glattwegs erfinden:

Ja, so versteht der geneigte Leser vielleicht jetzt etwas besser, WAS den eigentlichen Wert des Pfadhemdes ausmacht.